KI: Erschaffen statt fürchten


Ich mag schöpferische Menschen. Menschen, die etwas bauen, ausprobieren, ein Problem sehen und sich fragen: Wie könnte man es lösen? Menschen, die eine neue Technologie in die Hand bekommen und nicht zuerst überlegen, warum man sie verbieten müsste, sondern was man damit anfangen könnte.

Und zunehmend habe ich den Eindruck, dass genau hier eine kulturelle Trennlinie verläuft. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in künstlicher Intelligenz ein Werkzeug sehen. Ein erstaunlich leistungsfähiges Werkzeug, mit dem sie programmieren, schreiben, recherchieren, komponieren, visualisieren, übersetzen, analysieren, unterrichten und experimentieren. Auf der anderen Seite begegnet mir eine bemerkenswert vorhersehbare Litanei des Untergangs: KI verbraucht Wasser und Strom, sie beraubt Künstler ihrer Arbeit, macht Menschen dumm, vernichtet Arbeitsplätze, ist angeblich gar keine „echte“ Intelligenz oder dient letztlich nur großkapitalistischen Technologiekonzernen, die unsere Gesellschaft kontrollieren wollen.

Über fast jeden dieser Punkte kann und sollte man ernsthaft diskutieren. Rechenzentren verbrauchen Energie und Wasser. Die Trainingsdaten generativer Modelle werfen urheberrechtliche Fragen auf. Automatisierung verändert Arbeitsmärkte. Die Konzentration technologischer Infrastruktur in den Händen weniger Unternehmen ist ein reales gesellschaftliches Problem. Nur folgt daraus keineswegs, dass wir diese Technologie deshalb möglichst nicht verwenden oder entwickeln sollten.

Ein Problem ist kein Gegenargument

Technologien hatten immer Nebenwirkungen. Die Eisenbahn verbrauchte Ressourcen, zerstörte Geschäftsmodelle und veränderte Landschaften. Das Automobil brachte Umweltprobleme und Verkehrstote. Das Internet schuf Überwachung, Desinformation und enorme Machtkonzentrationen. Die vernünftige Reaktion bestand trotzdem nie darin, grundsätzlich auf diese Technologien zu verzichten. Stattdessen wurden Motoren effizienter, Sicherheitsstandards geschaffen, Gesetze angepasst und Infrastruktur verbessert.

Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einer gestaltenden und einer ängstlichen Haltung gegenüber Technik. Der ängstliche Mensch entdeckt ein Problem und sieht darin einen Grund zum Aufhören. Der schöpferische Mensch entdeckt ein Problem und sieht darin die nächste Aufgabe.

KI benötigt zu viel Energie? Dann brauchen wir effizientere Modelle, bessere Hardware und eine leistungsfähigere Energieversorgung. KI erzeugt Konflikte mit Urhebern? Dann brauchen wir vernünftige Regeln für Training, Vergütung und Herkunftsnachweise. KI verändert Berufe? Natürlich tut sie das. Dann müssen wir Menschen darauf vorbereiten, diese Werkzeuge kompetent zu benutzen und Tätigkeiten neu zu organisieren.

Die Antwort auf Probleme ist Gestaltung, nicht Stillstand.

Die merkwürdige Sehnsucht nach der Vergangenheit

Ein Teil der KI-Debatte scheint von einer romantischen Vorstellung getragen zu werden, dass vor ChatGPT alles irgendwie menschlicher, authentischer und gerechter gewesen sei. Das war es nicht.

Vor generativer KI gab es schlechte Texte, langweilige Präsentationen, seelenlose Werbung, miserable Illustrationen, manipulative Medien und gigantische Technologiekonzerne. Menschen kopierten voneinander, Unternehmen beuteten Kreative aus, Verlage zahlten schlecht, Plattformen monopolisierten Aufmerksamkeit und soziale Netzwerke optimierten unsere Wahrnehmung auf Werbeeinnahmen.

Das Paradies ist nicht 2022 verloren gegangen. Es hat nie existiert.

„Aber es ist doch gar keine echte Intelligenz!“

Dieses Argument fasziniert mich besonders. Natürlich kann man darüber streiten, ob heutige Sprachmodelle „denken“, „verstehen“ oder „wissen“. Das sind interessante philosophische und kognitionswissenschaftliche Fragen. Für die praktische Bedeutung der Technologie sind sie jedoch erstaunlich nebensächlich.

Ein Taschenrechner versteht Mathematik vermutlich ebenfalls nicht. Trotzdem multipliziert er schneller als ich. Ein Navigationssystem besitzt kein räumliches Bewusstsein wie ein Mensch. Trotzdem bringt es mich zuverlässig durch eine fremde Stadt. Wenn ein System Texte analysieren, Programme schreiben, Bilder erzeugen, Sprachen übersetzen, Daten strukturieren und komplexe Zusammenhänge erklären kann, wird seine gesellschaftliche Bedeutung nicht dadurch geringer, dass jemand erklärt, es verstehe eigentlich gar nichts.

Vielleicht stimmt das sogar. Aber es ändert wenig an dem, was diese Systeme bereits leisten.

Mich interessiert, was man damit bauen kann

Wenn ich eine neue Technologie sehe, möchte ich wissen, was ich damit machen kann. Kann ich damit besser unterrichten? Kann ich Software entwickeln, die ich vorher nicht hätte entwickeln können? Kann ich Ideen schneller ausprobieren? Kann ich Wissen anders aufbereiten? Kann ein einzelner Mensch plötzlich Dinge tun, für die früher ein ganzes Team notwendig gewesen wäre?

Diese Fragen interessieren mich erheblich mehr als die hundertste Diskussion darüber, ob ein Sprachmodell „wirklich kreativ“ ist. Denn während wir darüber diskutieren, bauen andere Menschen längst damit.

Genau diese Menschen interessieren mich.

Schöpferische Menschen sind nicht unkritisch

Technikoptimismus bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Wer etwas bauen will, muss wissen, wo es brechen kann. Ich möchte wissen, wo KI halluziniert, welche Verzerrungen in Trainingsdaten stecken, wie hoch Ressourcenverbrauch tatsächlich ist, welche wirtschaftlichen Abhängigkeiten entstehen und welche Berufsgruppen durch Automatisierung unter Druck geraten.

Aber ich möchte diese Dinge wissen, um die Technologie besser einsetzen und gestalten zu können. Das ist etwas fundamental anderes als die Suche nach immer neuen Gründen, weshalb man sie besser nicht hätte entwickeln sollen.

Kritik ist unverzichtbar. Kulturpessimismus ist es nicht.

Vielleicht geht es gar nicht um KI

Vielleicht ist KI nur der aktuelle Austragungsort eines sehr alten Konflikts. Menschen reagieren unterschiedlich auf Veränderung. Die einen sehen zuerst das, was verschwinden könnte, die anderen das, was entstehen könnte. Die einen fragen: Was kann schiefgehen? Die anderen: Was könnten wir erschaffen?

Natürlich braucht eine Gesellschaft beide Impulse. Eine Welt ausschließlich aus Beschleunigern wäre vermutlich ebenso problematisch wie eine Welt ausschließlich aus Bremsern. Aber unsere Gegenwart leidet meines Erachtens nicht an einem Überschuss an Zukunftsmut.

Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit. Innerhalb weniger Jahre sind Werkzeuge entstanden, mit denen einzelne Menschen Fähigkeiten erhalten, die früher großen Organisationen vorbehalten waren. Programmierung, Gestaltung, Recherche, Analyse, Übersetzung und Wissensproduktion werden in einer Weise zugänglich, deren Konsequenzen wir gerade erst erkennen.

Darauf kann man mit Furcht reagieren. Man kann jeden Fehler zum Beweis des Scheiterns erklären, jeden Ressourcenverbrauch skandalisieren und in jedem neuen Modell den nächsten Schritt in Richtung kultureller Apokalypse erkennen.

Oder man kann sich an den Rechner setzen und etwas bauen.

Ich weiß, mit welchen Menschen ich lieber zusammenarbeite: mit denen, die erschaffen, neugierig bleiben und Probleme ernst nehmen, ohne sich von ihnen lähmen zu lassen. Mit denen, die eine offene Zukunft nicht zuerst als Bedrohung betrachten, sondern als Möglichkeit.

Denn Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass nichts schiefgeht. Fortschritt entsteht dadurch, dass Menschen etwas versuchen, feststellen, was schiefgeht, und es anschließend besser machen.

,